Finanzkrise als Chance oder Bedrohung für die Umwelt?
Bildlegende: Schwer mitgenommen: Küste in Haiti nach den Stürmen "Ike", "Hanna" und "Gustav". (Keystone) Ein Ende der globalen Finanzkrise ist nicht in Sicht, die Auswirkungen, insbesondere bezüglich natürlicher Ressourcen, sind nicht absehbar. Prediger des steten Wachstums müssten umdenken, fordert Umweltökonom Mathis Wackernagel. Der Schweizer Umweltökonom Mathis Wackernagel hat den Begriff des ökologischen Fussabdrucks geprägt. Dieser Index ermöglicht Aussagen darüber, wie der Menschheit mit den natürlichen Ressourcen umgeht. Im Gespräch mit swissinfo erklärt der in Basel geborenen und heute in Kalifornien lehrende Wackernagel die Auswirkungen der Krise auf die Umwelt. swissinfo: Besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Finanzkrise und dem Umgang mit den natürlichen Ressourcen? Mathis Wackernagel: Ja, ökologische Knappheit hat ökonomische Auswirkungen. Das Naturkapital steht am Anfang jeder Produktionskette. Die angespannte Ressourcen-Situation ist eine treibende Kraft hinter der globalen Krise, die ihren Anfang mit der Hypotheken-Krise hier in den USA nahm. Der Zusammenbruch war programmiert. Ressourcenknappheit führt zur sogenannten Stagflation. Waren des täglichen Bedarfs werden teurer und langfristige Investitionen verlieren an Wert. Es drückt von beiden Seiten. Genau das ist in den USA eingetreten: Die Häuser waren mehrfach mit Hypotheken belastet. Die Ölpreise stiegen, damit die Kosten für Autofahrten zum Arbeitsort und für Nahrungsmittel – bald konnten viele ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Gleichzeitig sank der Wert der Häuser.  Mathis Wackernagel, "Erfinder" des ökologischen Fussabdrucks. (unibe.ch) swissinfo: Wie wird sich die Finanzkrise aus Ihrer Sicht auf globale Umwelt-Themen wie den Klimawandel auswirken? M.W.: Jede Krise ist auch eine Chance, aber wohin der Wind sich drehen wird, ist noch schwer zu sagen. Wir stehen an einer Verzweigung: Entweder erkennen wir kollektiv die Herausforderung, oder wir graben uns tiefer in unsere Löcher und bauen eine "Festungs-Welt" ohne Kooperation. So wie es heute steht, und besonders mit der Finanzkrise, sehe ich für die UNO-Klimaverhandlungen in Kopenhagen 2009 zur Zeit eher schwarz. Mit knapper werdenden Finanzen dürfte es noch schwieriger werden, Lösungen zu finden. swissinfo: Kann die Finanzkrise zu einem tieferen Verbrauch der Ressourcen führen? M.W.: Ein Einbruch beim Ressourcen-Verbrauch in gewissen Wirtschafts-Bereichen als Folge der Finanzkrise ist allein natürlich keine Lösung der Probleme. Ich hoffe, wir erkennen, dass die heutigen Ressourcentrends unsere Wirtschaft immer kräftiger unterwandern, wenn wir nicht umprogrammieren. Es ist eine Tatsache, dass das 21. Jahrhundert von einem Thema geprägt sein wird: der Knappheit der natürlichen Ressourcen. Wohin das führen kann, haben wir bereits gesehen, etwa in Haiti oder Darfur, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Menschheit verbraucht die natürlichen Ressourcen immer rasanter, zur Zeit in einem Verhältnis, das 30% schneller ist, als sich die verbrauchten Ressourcen regenerieren können. Zur Zeit meiner Geburt, vor 45 Jahren, hatte die Menschheit nur die Hälfte dessen gebraucht, was die Erde regenerieren konnte. Wenn wir nichts ändern im Umgang mit den natürlichen Ressourcen, würde der ökologische Fussabdruck der Menschheit nach moderaten UNO-Prognosen bis ins Jahr 2050 auf das Doppelte der Biokapazität der Erde anwachsen. Wenn wir den Verbrauch nicht stoppen, droht uns über kurz oder lang der ökologische Kollaps. swissinfo: Könnte sich die Finanzkrise kurzfristig zu Gunsten der Umwelt auswirken, indem die Menschen in den Industriestaaten ihr (Freizeit)-Verhalten ändern, weniger mit dem Flugzeug reisen, weniger Auto fahren? M.W.: Das ist denkbar. Aber mit Blick auf die drängenden Fragen wäre das nur ein winziger Tropfen auf den heissen Stein. Was die Erde braucht, ist ein Paradigmen-Wechsel im Umgang mit den natürlichen Ressourcen. swissinfo: Worin müsste dieser bestehen? M.W.: Die aktuelle Finanzkrise kann eine Chance sein. Die Prediger des steten Wachstums müssten einsehen, dass es so nicht weitergeht, dass erhöhter Ressourcenverbrauch uns ärmer macht und unsere Zukunft untergräbt. Wir brauchen unter anderem ökologische Steuerreformen, wobei kurz gesagt Arbeit weniger und Energie mehr besteuert wird. swissinfo: Reicht dies aus? M.W.: Falls ökologische Gläubigerländer, Staaten also, die weniger Ressourcen verbrauchen, als ihnen zur Verfügung stehen, sich zusammentun könnten, und mit uns ökologischen Schuldnerländern hart verhandeln würden, wären wir einen Riesenschritt weiter. Plötzlich sähen wir ein, dass wir mit unserem Naturkapital viel vorsichtiger sein müssen. Einerseits braucht es vor allem in der Stadtentwicklung neue Wege. Mit dem Bau von Nullenergie-Städten zum Beispiel. Und mit Verbesserungen im öffentlichen Verkehr. Vieles ist heute technisch machbar. Wenn auch am Anfang kostenintensiv, zahlt es sich auf lange Sicht aus: Mit weniger Energieverbrauch, tieferen Kosten und schliesslich weniger Belastung für die Umwelt. Andererseits sollten wir die globale und nationale Bevölkerungsdynamik viel ernster nehmen, denn die Erde ist nun einmal endlich. Sonst verurteilen wir Milliarden von Menschen zu einem miserablen Leben. Dabei stehen die Frauen im Zentrum. Wenn Frauen mehr Ausbildung, bessere Gesundheit, mehr Zugang zu Familienplanung und mehr Möglichkeiten haben, gibt es kleinere Familien, und auch den Kindern geht es besser – gesundheitlich, erzieherisch, ökonomisch. Der Druck auf die Ressourcen, ich denke dabei auch an die Nahrungsmittelkette und die Landwirtschaft, würde sinken. swissinfo-Interview, Rita Emch, New York |